
Wie wir in Zukunft einkaufen: Über Smartphones dringt das Internet in unsere reale Welt ein
Das Hemd von Dieter Bohlen, die Schuhe von Sarah Jessica Parker – im Fernsehen gesehen und sofort bestellt. Shoppen per Fernbedienung oder Handy, wo man geht und steht, zu jeder Tages- und Nachtzeit. So sieht für Einkaufsstrategen die Zukunft aus, und sie hat schon begonnen. Ob Edeka, Karstadt oder Adidas: Sie alle arbeiten daran, Smartphones und soziale stärker für sich zu nutzen.
Fernsehabend: Es ist Werbepause- und keiner sieht hin. Die Statistiker registrieren einen erhöhten Wasserverbrauch. Werbepause ist RauPi-Pau, Raucher- und Pinkelpause. Oder man holt ein Bier aus dem Kühlschrank, macht sich etwas zu essen, spielt mit dem Mobiltelefon oder am Computer herum, bis der Film weiterläuft. "Werbung im Fernsehen wird immer wertloser, weil die Zuschauer sie immer weniger wahrnehmen", sagt Thorben Fasching. Er ist beim Bremer Softwarehaus hmmh für Marketing und neue Formen der Internetnutzung zuständig. "Das wird nicht so bleiben", sagt Fasching. "Wir wollen das TV als Rückkanal." Was er damit meint, klingt noch etwas visionär: Wir stellen uns vor, bei einem spannenden Krimi schleicht sich der Mörder in ein schönes Hotel unter Palmen. Da wären wir auch gern mal. Wir stoppen den Film, öffnen per Fernbedienung ein neues Fenster und buchen dort ein Erlebniswochenende. Zurück ins Hauptmenü, der Film läuft weiter.
Der Mörder kommt, wir shoppen
Da die übliche Fernsehwerbung nicht mehr funktioniert, wandert ein immer größerer Teil der Etats großer Firmen in die Internetwerbung und in das sogenannte Productplacement, mehr oder weniger versteckte Werbung in den Sendungen selbst. Wie etwa bei Deutschland sucht den Superstar. Dieter Bohlen trägt per Werbevertrag immer Hemden der Marke Camp David. Wer ein solches Hemd gerne hätte, muss derzeit noch ins Geschäft oder ins Internet gehen, um zu kaufen. Warum nicht am Bildschirmrand einen QR-Code platzieren? Dann könnte man den Code mit jedem Smartphone (internetfähiges Handy) scannen und vom Sofa aus bestellen, sagt Thorben Fasching, der auch stellvertretender Vorsitzender der Fachgruppe E- Commerce (Elektronischer Einkauf) beim Bundesverband digitale Wirtschaft ist.
"Multi-Channel-Commerce" ist derzeit sein Lieblingswort, was man mit "einkaufen auf allen Kanälen" übersetzen könnte. Internet, Fernsehen, der Laden um die Ecke – alles wächst in einer Strategie zu sammeln. Möglich wird das durch die zunehmende Nutzung von Smartphones, den mobilen kleinen Alleskönnern. In Deutschland gibt es derzeit zwölf Millionen Smartphone-Nutzer, und ihre Zahl steigt täglich. Die Branche rechnet damit, dass weltweit bereits im nächsten Jahr mehr Nutzer über ihr Handy von unterwegs ins Internet gehen als über den Computer zuhause. Zwar spielen sie da auch, laden Musik herunter oder sehen nach, was die Facebook- Freunde so treiben. Aber immerhin 23 Prozent der Smartphone- Nutzer haben bereits Shopping-Apps auf ihrem Handy installiert. Das eröffnet ungeahnte Möglichkeiten. Viele davon, wie das interaktive Fernsehprogramm, sind noch Zukunftsmusik, aber das wird sich schnell ändern. Apple wollte eigentlich schon im Herbst sein internetfähiges iTV auf den Markt bringen, nun wird es wohl erst 2013 soweit sein. Neben Sprachsteuerung und der Möglichkeit, Filme digital herunterzuladen, soll es dann auch eine Software besitzen, mit der man direkt über das Fernsehprogramm einkaufen kann.
Für Stefan Messerknecht, Vorstandssprecher von hmmh, ist das Smartphone auch die ideale Verbindung zwischen der klassischen Einkaufsfiliale und dem Internet. hmmh hat einst den Otto-Versand ins Internet gebracht und betreut unter anderem die Internetauftritte von Tchibo, Praktiker, Hessnatur oder L´Oreal. Damals ging es darum, das Internet als Einkaufsmöglichkeit überhaupt populär und benutzerfreundlich zu machen. Heute gehe die Entwicklung weg vom reinen Internethandel, sagt Messerknecht. Für die Zukunft sei es für Unternehmen entscheidend, möglichst viele Vertriebskanäle miteinander zu verknüpfen. "Der klassische Laden wird nicht sterben, aber die Ansprache der Kunden wird sich ändern."
Vorstellbar wäre folgendes: ein Kunde mit Smartphone bewegt sich auf einer Einkaufsstraße in der Nähe einer Tchibo-Finale. Von dort wird er geortet und erhält eine SMS, mit der er zu einer kostenlosen Tasse Kaffee eingeladen wird. Auch Sportartikelgeschäfte oder Elektronikanbieter könnten so ihre Kunden in der Nähe der Filiale orten und gezielt ansprechen. Eine Szene, die längst tägliche Realität ist: Eine Kundin betritt ein Geschäft, um etwa einen Flachbildschirm zu kaufen. Sie hat sich vorher im Internet informiert, Testberichte und Empfehlungen von Kunden gelesen, möchte das Gerät aber zunächst sehen und sich weitere Details erklären lassen. Selbst noch im Laden vergleicht die Kundin über Smartphone die Preise und fragt über Twitter oder Facebook die Erfahrung anderer Nutzer ab. Wo wird sie schließlich kaufen? Viele Fachgeschäfte machen die leidvolle Erfahrung, dass sie zwar in Beratung investieren, das Gerät aber schließlich im Internet bestellt wird. Das muss nicht so sein, sagt Messerknecht. "Kunden haben heute zehn bis fünfzehn Kontaktpunkte wie Internet, Freunde, Blogs oder Testberichte, bevor sie sich entscheiden. Sie sind oft besser informiert als der Verkäufer." Auch deshalb wären Läden gut beraten, wenn sie die neuen Medien in ihre Strategien einbezögen, sagt Messerknecht. Damit der Verkäufer auf Augenhöhe mithalten kann. Er könnte ebenfalls über ein Smartphone prüfen, ob das Gerät am Lager ist, ob es kurzfristig frei Haus geliefert werden könnte und ob es noch preisliche Spielräume gibt.
Kaufen auch nach Ladenschluss
Einzelhändler könnten die schon genannten QR-Codes nutzen, um zusätzliche Informationen über die gewünschte Jeans oder das Sofa anzubieten. Außerhalb der Ladenöffnungszeiten könnten in Schaufenstern per Smartphone Produktvideos abgerufen oder über QR-Codes Waren direkt verkauft und nach Haus geliefert werden. Diverse neue Formen der Ansprache von Konsumenten über das Handy gibt es schon, Shopkick etwa, eine App, die Kunden ortet, wenn sie ein bestimmtes Geschäft betreten. Dafür erhalten sie Treuepunkte oder persönliche Rabatte. Punkte gibt es auch, wenn Produkte mit dem Smartphone gescannt werden. Die gesammelten Punkte können in allen angeschlossenen Geschäften eingelöst werden. Die britische Supermarktkette Tesco testet zur Zeit über ein Tochterunternehmen in Südkorea das Einkaufen über virtuelle Regale, die in U-Bahn-Stationen installiert sind. Während man auf die nächste Bahn wartet, kann man über große Bildschirme die gewünschte Ware in einen virtuellen Einkaufskorb legen und mit dem Handy bezahlen. Geliefert wird direkt nach Haus. Einkaufen, wo man geht und steht. Wem das alles zu viel wird, der kann immerhin noch ausschalten.
*Quelle: Printausgabe Weser-Kurier vom 02.05.2012